In einem natürlichen Wald ist Licht eine Mangelware, und Bäume wachsen oft in die Höhe, um zu überleben. Im Waldgarten hingegen wollen wir Ertrag und ein stabiles Gleichgewicht auf engem Raum. Schnittmaßnahmen sind hier das wichtigste Steuerungsinstrument, um das System produktiv zu halten.
1. Lichtmanagement
Licht ist die wichtigste Ressource im Waldgarten. Ohne Schnitt würden die oberen Schichten (z. B. Esskastanie oder Pekannuss) alles darunter liegende beschatten.
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Das Ziel: Durch gezieltes Auslichten der Kronen lässt du genügend Licht in die unteren Schichten (die “Unteretage”), damit Paw Paw, Kiwibeeren oder Beerensträucher Früchte bilden können.
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Sonnenschacht: Man schneidet Bäume oft so, dass “Lichtschächte” entstehen, die die Sonne zu verschiedenen Tageszeiten tief in den Garten führen.
2. Ertragssteuerung und Fruchtqualität
Ein ungeschnittener Baum investiert viel Energie in Holz und Höhe, aber weniger in große, süße Früchte.
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Fruchtgewicht: Durch den Schnitt entfernst du altes, unproduktives Holz und förderst junges Fruchtholz.
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Belüftung: Ein offenerer Strauch (z. B. bei der Sorbaronia oder der Kornelkirsche) trocknet nach Regen schneller ab. Das verhindert Pilzkrankheiten wie Mehltau oder Schorf, ohne dass du Chemie einsetzen musst.
3. Der “Caspari-Effekt” (Wurzel-Schnitt-Interaktion)
Das ist ein faszinierendes Geheimnis der Permakultur:
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Wenn du die Krone eines Baumes (z. B. eines Stickstoff-Fixierers wie der Erle oder eines Gemüsebaums) stark zurückschneidest, sterben im Boden proportional dazu Feinwurzeln ab.
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Diese absterbenden Wurzeln geben schlagartig Stickstoff und organisches Material im Boden frei, genau dort, wo die Nachbarpflanzen es brauchen. Der Rückschnitt oben “düngt” also unten.
4. Biomasse-Produktion (Chop and Drop)
Im Waldgarten produzieren wir unseren Dünger selbst. Schnittmaßnahmen sind die Ernte für deinen Mulch.
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Mulch-Lieferanten: Pflanzen wie Beinwell oder der Gemüsebaum werden mehrmals im Jahr geschnitten. Die abgeschnittenen Zweige und Blätter werden direkt an Ort und Stelle fallengelassen (“Chop and Drop”). Wir häckseln, um Struktur der Biomasse aufzubrechen und für das Bodenleben verfügbar zu machen.
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Dies füttert das Bodenleben, erhält die Feuchtigkeit und unterdrückt unerwünschte Beikräuter.
5. Vitalität und Verjüngung
Einige Waldgarten-Pflanzen (wie die Holunder oder Johannisbeeren) neigen zum Vergreisen.
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Durch das Entfernen alter Triebe (Verjüngungsschnitt) regst du die Pflanze an, aus der Basis neu auszutreiben. Das hält den Strauch vital und sorgt für eine längere Lebensdauer des gesamten Systems.
Schnitt-Typen im Waldgarten-Konzept
Ein wichtiger Tipp: Der Zeitpunkt
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Winter (Saftruhe): Fördert starkes Wachstum (gut für junge Bäume).
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Sommer (Juniriss/Schnitt): Bremst das Wachstum und fördert die Fruchtbildung (gut, um Bäume klein zu halten).