Saatgutgewinnung

    11/11/2025

    Saatgutgewinnung im Waldgarten ist weit mehr als nur Geld zu sparen. Es ist der Kern der Resilienz(Widerstandsfähigkeit) und der Anpassung deines Gartens an sich verändernde Bedingungen.


    1. Warum Saatgut selbst gewinnen?

    Anpassung an das Mikroklima (Lokale Adaption)

    Saatgut aus dem Handel stammt oft von riesigen Vermehrungsflächen mit optimalen Bedingungen. Wenn du Samen von deiner erfolgreichsten Pawpaw oder deinem stärksten Beinwell nimmst, selektierst du Pflanzen, die genau mit deinem Boden, deinem Wasser und deinem Klima (z.B. Spätfröste oder Trockenheit) zurechtkommen. Über Generationen ziehst du dir so „Spezialisten“ für dein Grundstück heran.

    Erhalt der Sortenvielfalt (Biodiversität)

    Viele alte, robuste Sorten sind nicht marktfähig, weil sie z.B. nicht transportfähig sind (wie die Pawpaw). Durch eigene Saatgutgewinnung bewahrst du genetisches Erbe, das in der industriellen Landwirtschaft verloren geht.

    Unabhängigkeit (Souveränität)

    Du wirst unabhängig von Saatgutkonzernen und deren Sortiment. Gerade bei mehrjährigen Pflanzen (Perennials) im Waldgarten ist die Verfügbarkeit von speziellen Wildformen oft eingeschränkt.


    2. Die Rolle im Waldgarten-Konzept

    Ein Waldgarten ist als Selbstregulationssystem konzipiert. Die Saatgutgewinnung unterstützt dies auf mehreren Ebenen:

    • Nischenbesetzung: Ein Waldgarten arbeitet mit verschiedenen Schichten. Durch Selbstaussaat (oder gezielte Aussaat eigener Samen) füllen Pflanzen wie der Beinwell oder die Pimpernuss Lücken im System viel schneller und natürlicher als zugekaufte Containerpflanzen.

    • Vermehrung von “Überflusserzeugern”: Pflanzen wie der Gemüsebaum oder der Szechuanpfeffer produzieren tausende Samen. Diese kannst du nutzen, um dein System günstig zu erweitern oder Saatgut gegen andere seltene Arten zu tauschen.

    • Evolution im System: In einem stabilen Waldgarten lässt man Pflanzen oft absichtlich aussamen. Die Natur wählt dann die vitalsten Nachkommen aus, die genau in der Konkurrenzsituation zwischen den Baumwurzeln bestehen können.


    3. Worauf muss man achten? (Die Praxis)

    Sortenreinheit vs. Kreuzung

    • Selbstbefruchter: (z.B. viele Bohnen oder Tomaten) sind einfach zu vermehren, da sie sich kaum mit Nachbarn kreuzen.

    • Fremdbefruchter: Bei Bäumen wie der Esskastanie oder der Pekannuss entstehen aus Samen oft Hybride. Die Kinder sehen nicht aus wie die Eltern. Das ist im Waldgarten oft gewollt (Vielfalt!), wer aber eine exakte Sorte (z.B. ‘Bouche de Bétizac’) will, muss veredeln, nicht säen.

    Reifegrad

    Samen dürfen erst geerntet werden, wenn sie vollreif sind.

    • Trockenfrüchte: (Szechuanpfeffer, Pimpernuss) Ernten, wenn die Kapseln braun/trocken sind.

    • Fleischige Früchte: (Kornelkirsche, Pawpaw) Die Frucht muss oft überreif sein, bevor der Samen bereit ist.

    Lagerung des Saatguts

    Damit die Keimfähigkeit erhalten bleibt:

    1. Reinigen: Fruchtfleischreste komplett entfernen (sie enthalten oft Keimhemmstoffe).

    2. Trocknen: Langsam bei Raumtemperatur, nie im Ofen!

    3. Kühl & Dunkel: Ideal sind Papiertütchen in einer Blechdose im kühlen Keller.


    4. Besonderheit: Kaltkeimer im Waldgarten

    Viele der von dir genannten Gehölze (Pimpernuss, Kornelkirsche, Esskastanie) sind Kaltkeimer.

    • Weshalb: Diese Samen haben eine Keimsperre, damit sie nicht mitten im warmen Herbst keimen und dann im Winter erfrieren.

    • Wie: Sie brauchen eine Frostperiode (Stratifikation). Im Waldgarten-Konzept lässt man sie oft einfach vor Ort in den Mulch fallen – die Natur erledigt den Rest.